Salinas, Ecuador, 18. 2. 2019

 

 

 

Ausgeräuchert und durchgeschüttelt

 

 

 

 

 

Nein, wir haben es nicht getan, wir haben in Ecuador kein Meerschweinchen gegessen! Und auch keinen Strohhut gekauft. Und von Lamas wurden wir auch nicht bespuckt. Überhaupt ist unser Aufenthalt hier in der Marina Puerto Lucia nicht ganz so touristisch verlaufen wie gedacht. Was wieder einmal zeigt, dass Segeln und Reisen nicht immer unter einen Hut zu bringen sind.

 

In einer Woche ist unser Aufenthalt in diesem sehr abwechslungsreichen Land auch schon wieder vorbei und wir machen uns auf den Weg Richtung Südsee.

 

 

 

Per Mail haben wir uns ja bei Euch  nach unserer Ankunft in Ecuador  kurz gemeldet und berichtet, wie schön das Segeln von Panama hierher war – kaum Wellen, guter Wind – rasch und ruhig, so ist man gerne unterwegs! Der Empfang in der Marina war äußerst freundlich, kein Wunder, denn Segler auf der Durchreise gibt es hier kaum. An den wenigen Liegeplätzen sind hauptsächlich Motorboote zum Hochseefischen verheftet, die hin und wieder mit Gästen zum Fischen und Feiern ausfahren. Sonst ist hier nichts los. Auch für die Einklarierungsbehörden ist eine  Yacht mit Besuchern aus dem fernen Österreich deshalb  eine nette Abwechslung – vor allem, wenn zu vermuten ist, dass man Bier aus Panama an Bord hat. Bier aus Panama ist hier Kult, das haben wir noch rechtzeitig erfahren. Zum vereinbarten  Termin  saßen also rasch vier männliche Beamte plus ein  fesches Mädel von der Immigration vor den grünen Dosen rund um unseren Tisch und raschelten mit kiloweise Papier. Zum Glück gehört es zum Service der Marina, das die englischsprechende Bürokraft Diana die  Einklarierungs-Organisation und das Ausfüllen der Formulare in die Hand nimmt, sodass wir uns nur ums Bier kümmern mussten. Alle waren freundlich, nur die Gesundheitsbehörde ist hier recht heikel (paradox, denn ein einziges Essensstandl am Straßenrand hat hier wahrscheinlich fünf Milliarden mehr Keime als die Yin Yang), ließ sich aber fast zufriedenstellen, nachdem Poldi den von Mann zu Mann ins Ohr geflüsterten Wink nach je einem Bier als Wegzehrung positiv erledigen konnte. Nur Eines war unverzeihlich: wir hatten keine Beleg, dass unser Schiff irgendwo in den letzten drei Monaten von einem Kammerjäger ausgeräuchert worden war.  Aber dieser europäischen Nachlässigkeit konnte für 150 Dollar nachgeholfen werden. Gleich am nächsten Morgen stand ein Profi mit voller Ausrüstung vor der Tür und besprühte und vergaste alles, was da eventuell hätte kreuchen und fleuchen können. (Meine beiden Stofftiere wurden in eine ganz dichte Tasche verpackt, besser Luft anhalten als vergiften). Wir mussten uns zwei Stunden vom Schiff fern halten und kennen nun das befreiende Gefühl völliger Fungizidierung. Lieber wäre es uns allerdings gewesen, man hätte das vor unserer Weiterfahrt gemacht und damit auch gleich die ecuadorianischen Keime und Gelsen vernichtet.

 

Sauber und behördlich akzeptiert konnten wir nach zwei „Quarantäne“-Nächten an der Boje  schließlich unseren reservierten und teuer bezahlten Liegeplatz in Anspruch nehmen. Der leider all das bietet, was wir nicht wollen: 110 Volt und unglaublichen Schwell. Die 110 Volt in 220 zu ändern, schafften die Werftarbeiter rasch durch unbürokratisches Entfernen einer Sicherung, aber das Schiff  ruhig und in  Balance zu halten, ist nicht zu schaffen. Dafür ist der ganze Hafen einfach zu sehr verbaut. Da hatte irgendein Investor die  Idee, einer Hotelanlage einen Beachklub und einen Yachthafen hinzuzufügen, ohne irgendetwas von den Anforderungen einer Marina zu wissen.  Ebbe und Flut tragen das ihre dazu bei; die Schwimmstege ächzen und stöhnen und die Schiffe bewegen sich vor und zurück, links und rechts, auf und ab. Zwei unserer Festmacherleinen sind bereits gerissen, man muss ständig auf der Hut sein um die Leinen umzuorganisieren und neu zu belegen, sonst würde man   immer wieder am Anleger oder bei den Nachbarn anstoßen. Nicht einmal am Steg kann man in Ruhe gehen. Da die Leinen  wegen der Tide hoch über den Schiffen an der Mauer befestigt sind, muss man sich seinen Weg durch die kreuz und quer gespannten Leinen bahnen, die sich ganz unregelmäßig auf und nieder bewegen. Erinnert mich an das „Tempelhüpfen“ unserer Kindheit. Beschwipst nach Hause kommen geht also nicht.

 

 

Unter diesen  Bedingungen war an eine gemeinsame Ecuador-Rundreise nicht zu denken. Die Yin Yang kann hier nicht alleine bleiben. Und da meine technisch-maritimen  Fähigkeiten nicht allzu krisensicher sind und sich  Poldis Blutdruck bei den Worten „Wandern“ und „Inkaruinen“ ohnehin gleich  auf 200 erhöht, fiel das glückliche Los auf mich, eine (allerdings verkürzte) Reise antreten zu dürfen.

 

Nach langem und intensivem Studium des Wetterberichts entschied ich mich schweren Herzens, den Norden, also Quito und die berühmten Vulkane, fallen zu lassen und in den milden, derzeit etwas trockeneren Süden zu fahren. Ecuador ist ungefähr so groß wie Deutschland, also hatte ich mich - im Vergleich - zwischen der Nordsee und Oberbayern zu entscheiden, denn um beides sinnvoll zu bereisen hätte ich mindestens drei Wochen gebraucht. Und die Chance, den Cotopaxi und den Chimborazo meiner Träume wegen Wolken und Nebels überhaupt nicht zu Gesicht zu bekommen, war groß.

 

Also auf nach Cuenca, der drittgrößten Stadt Ecuadors, die schließlich auch viel hübscher sein soll als Quito. Und der Cajas Nationalpark hatte mich ohnehin nach der Lektüre mehrerer Reiseblogs schon in seinen Bann gezogen. Als Reisender bewegt man sich in Ecuador billig und bequem mit dem Bus. Die Busbahnhöfe sind riesig, sauber, modern und übersichtlich, die Überlandbusse bequem, pünktlich und vertrauenswürdig. Für eine fünfstündige Fahrt ist man mit 8 Dollar dabei. Sehr weit kommt man in fünf Stunden allerdings nicht. Da hat die Geologie Einiges mit zu reden. Die Straßen sind zwar prinzipiell in einem guten Zustand, aber sehr, sehr steil. Von null Meter am Meer auf 3000-4000 Meter in den Anden zieht es sich schon ein wenig. Autobahnbrücken gibt es keine, also werden die Täler per Serpentinen überquert, 70 Kurven hinunter, 70 Kurven hinauf, 30 Kurven hinunter etc etc. Ein Glück, dass mein Magen vom Segeln abgehärtet ist!

 

Ja, wie schaut das Hochland nun wirklich aus?  Ich getraue mich gar nicht allzu sehr zu schwärmen, damit mein armer Mann nicht traurig ist. Es ist wirklich sehr schön und sauber, gute Luft, nette Leute – und, das fand ich besonders angenehm – die Menschen, indiostämmig, sind alle sehr klein. Wenn ich so durch Cuenca bummle, fühle ich mich richtig groß! Das erste Mal in meinem Leben, dass ich nicht zu fast allen anderen aufschauen muss. So einfach kann man mir eine Freude machen!

 

Die Altstadt von Cuenca ist noch zu fast 100% original spanisch; kein Erdbeben und kein Investor hat da dazwischen gefunkt.  Allerdings würden sehr viele Häuser mehr Zuwendung brauchen, um noch weitere Jahrhunderte zu überstehen. Viele der alten Bürgerhäuser mit ihren schönen Innenhöfen wurden zu Hotels und Cafés umgebaut , so auch das „Café Mozart“ und das „Café Austria“.  Die Wohnungen  der Einwohner liegen allerdings zum Großteil in den neueren Teilen der Stadt, in den grünen, luftigen Vororten oder auch in „Gringotown“mit seinen modischen Appartmenthäusern, wo sich viele amerikanische und kanadische Rentner niedergelassen haben, um Winterstürme gegen ewigen Frühling zu tauschen. Ein wunderschönes Museum über die verschiedenen Indiostämme und deren Geschichte war ebenso ein Muss wie ein Ausflug zu einem unvermeidlichen Markt (wo man die Leute nur von hinten fotografieren durfte, um ihre Privatsphäre zu wahren) und zur Ruinenstadt Ingapirca, die eine Kultstätte der Canaren war (das ist der heute noch existierende Indiostamm dieser Gegend) . Im 15. Jahrhundert konnten die Inkas bei Ihren Feldzügen gegen Norden aber auch von dieser Stadt nicht die Finger lassen und machten sich dort breit. Kein Wunder bei dieser herrlichen Lage, 20 Grad auf fast 4000 Meter und ein Bergpanorama, das selbst dem Alpenbewohner das Herz aufgehen lässt.

 

Im Unterschied zu den Alpen sind die Anden bis über 4000 Meter hinauf grün, bewohnt, landwirtschaftlich genutzt und voller schöner Blumen. Die Silhouetten der Berge sind – zumindest dort, wo ich war – rund und sanft, in  klares, helles, scharfes Licht getaucht, so ähnlich wie bei uns bei Fönwetter. Meistens. Außer es regnet einmal zufällig und ist nebelig. Ich habe für solches Wetter ja wirklich ein Händchen. Wie letztes Jahr in Martinique am Pélé so war auch  im von mir so heiß ersehnten Cajas Nationalpark nichts von den berühmten Ausblicken zu sehen, sogar die Lamas hielten sich irgendwo im Trockenen versteckt. Aber ich konnte immerhin meinen neuen Anorak testen. Ja, er hielt auch im strömenden Regen trocken! 

 

Um nicht total frustriert an die Küste zurück zu fahren, folgte ich  einem Tipp des Wanderführers und fuhr  noch weiter in den Süden, nach Vilcabamba, ins Tal der Hundertjährigen. Dieses liegt nur auf 1500 Meter und das Klima soll dort so gesund sein, dass ein Großteil der Einwohner in bester Verfassung über 100 Jahre alt wird. Allerdings zeigte kürzlich eine wissenschaftliche Langzeitstudie, dass  die Einwohner vor allem beim Schummeln sehr robust sind. Personen, die bei der Ersterhebung 70 Jahre alt waren, gaben fünf Jahre später an, sie seien  85 und  wiederum fünf Jahre später waren sie bereits über 100. Als Werbegag eignet sich die Geschichte allemal, von den Amerikanern und Kanadiern dürfte sie auch geglaubt werden, denn jeder fünfte Einwohner kommt auch hier aus diesen Ländern und es gibt eine große Auswahl an Hotels und Pensionen. Ich verbrachte drei herrliche Tage in einem Hotel von Deutschen (es geht nichts über das deutsche Organisationstalent; wie sehr man sich doch im Ausland freut, wenn alles so pünktlich und ordentlich abläuft!) und bin in der Sonne gewandert, ohne Anorak, habe die Blumen betrachtet, die Kühe zu überreden versucht, wenigstens ganz kurz einmal den Wanderweg für mich freizugeben und habe mir die Berge gut eingeprägt, denn schon sehr bald dominieren wieder Wasser und Wellen.

 

 

Die Windvorhersagen Richtung französisch Polynesien sind seit Wochen etwas flau, aber noch lange in dieser Marina (andere gibt es nicht) liegen zu bleiben, bringt auch nichts – bei diesem Gehüpfe hier wird man ja leichter seekrank als am offenen Meer. Wir haben jetzt einmal den kommenden Samstag als Abreisetag ins Auge gefasst und werden bis dahin alles vorbereiten, sprich putzen und einkaufen. Poldi hat ja in dankenswerter Weise während meiner Reise einiges repariert und optimiert und die Technik auf Hochglanz gebracht, ich werde das jetzt mit der Küche tun.

 

  Als wir vor 13 Jahren auf der „Oase“zum ersten Mal über den Pazifik gesegelt sind, haben wir in Galapagos Station gemacht, das werden wir diesmal auslassen. Die Schikanen und Gebühren für Privatboote haben inzwischen so ein Ausmaß erreicht, dass wir richtig froh sind, schon dort gewesen zu sein und an den Inseln jetzt vorbei segeln zu können. Dafür müssen wir allerdings mit einer Überfahrt von ca 4 Wochen rechnen, von Galapagos aus haben wir damals nur 3 Wochen gebraucht.

 

Französisch Polynesien ist groß und  wo wir im Endeffekt genau landen, überlassen wir dem Wind. Einige unserer Bekannten sind dabei, sich demnächst von Panama aus auf den Weg zu machen und man könnte sich vorstellen, dass wir allesamt auf den Marquesas-Inseln landen. Man wird sehen. Die 6400 km werden also in jeder Hinsicht eine Fahrt ins Blaue – das genaue Ziel ist unbekannt und wer  sich die Strecke von Ecuador nach französisch Polynesien anschaut, sieht, dass es sich um den absolut blauesten Teil des Globus handelt – überall Wasser!

 

 

 

Bevor wir endgültig losfahren, melden wir uns noch einmal kurz per email. Leider haben wir keinen Trackingdienst mit dem wir per Internet zu verfolgen  wären.  Ihr könnt uns also sozusagen nur mit Euren Gedanken im Auge behalten!

 


 

Ein Knall im Kanal                                25.01.2019

 

Der Papst ist auf Besuch in Panama. Unter Aufsicht des Pontifex hätte unsere Kanaldurchfahrt eigentlich tip-top funktionieren sollen. Aber aus irgendeinem Grund hat uns sein Segen nicht erreicht. Dass uns die Webcam in ihrem Bildausschnitt nicht gezeigt hat,  wäre ja  noch zu verkraften gewesen, dass uns aber ein wahnsinniger Engländer das Heck beschädigt hat, trifft uns schon sehr. Aber der Reihe nach…

 

Ausgerüstet mit den Spezialfendern und –leinen für den Kanal, mit winkendem Abschiedskomitee am Steg und erwartungsfroher Mannschaft verließen wir am Sonntagnachmittag die Shelter Bay Marina. Als Mannschaft  benötigt man für den Kanal vier „linehandler“, die in den Schleusen die Leinen bedienen. Da man fast immer mit anderen Booten, meist Seglern, zusammen gebunden wird, braucht man eigentlich nur zwei ‚operative‘, die wirklich anpacken können. Bei uns waren das Martin aus Tulln, der im Februar durch den Kanal geht und Omar, den wir bei unserem Agenten „geliehen“ haben, ein erfahrener und umsichtiger junger Mann.  Als „proforma“-Linehandler agierten ich (auch als Köchin) und ein Mädchen aus Kenya, deren  Freund in der Shelter Bay an seinem Boot bastelt.

 

Frohen Mutes machten wir uns auf den kurzen Weg zum Treffpunkt mit dem „adviser“ der Kanalbehörde, der an Bord kommt und erklärt (oder befiehlt; je nach Typ), was man  darf, muss, tun oder lassen soll. Gleichzeitig trifft man die Schiffe, mit denen man gemeinsam schleust. Da kam schon  zum ersten Mal ein gewisses Herzklopfen auf. Von Weitem war am vorgesehenen Platz  ein Oldtimer zu sehen, ein Gaffelschoner mit beidseitig weit über die Schiffsbreite hinaus ragendem  Rigg. O nein, bitte nicht…..ja, leider doch, es war unser Nachbar und Poldi musste mühsam die Yin Yang so rangieren, dass der Oldie nicht bei uns einfädelte. An die andere Seite des schweren Holztrums wurde ein ziemlich leichter, nicht allzu großer Katamaran gebunden, was unserem linehandler Omar schon die ersten Sorgenfalten auf die Stirn trieb.

 

 

In der ersten Schleusenkammer blies der Wind ganz ordentlich und wir mussten die Heckeine sogar über unsere Elektrowinsch laufen lassen – Martin und der Winschmotor ächzten um die Wette. In den nächsten beiden Schleusenkammern wurde der Wind schwächer und die Winsch hatte Pause. An der Übernachtungsboje am Gatunsee wurde der Adviser  abgeholt und wir machten es uns bei Hühnercurry, Kuchen und diversen Getränken gemütlich. Schließlich mussten wir fast  bis Mitternacht durchhalten, denn die Mondfinsternis war  wirklich schön zu beobachten.

 

Der zweite Tag begann bereits ohne Papstsegen. Die Adviser kamen mehr als eine Stunde zu spät. Das musste mit Vollgas aufgeholt werden, denn bis zu den „bergab“-Schleusen fährt  man erst einmal ein paar Stunden über den Gatun-See . Strömender Regen, alle unsere Anoraks wurden verteilt, ich verzog mich erst einmal in die trockene und warme Küche, um das Mittagessen vorzubereiten. Nach einer Stunde war der Regen vorbei und unser Adviser merkte endlich, dass die beiden Kollegen hinter uns mangels Motorkraft gar nicht mehr zu sehen waren – also einbremsen, und zwar bis zum Leerlauf. Warum so ein Durcheinander? Weiß niemand!

 

 

Schließlich erreichten wir nach längeren Wartephasen die Miraflores-Schleusen. Wieder warten. Wir nützten die Zeit, um die Homepage mit der Webcam zu checken – o je, ein ganz anderer Bildausschnitt! Wir lagen ganz vorne bei den Schleusentoren und waren nicht zu sehen. Zu sehen gab’s aber trotzdem Einiges:  Aufgrund der Weltjungendtage (Grund für den Papstbesuch) waren die Terrassen des Besucherzentrums überfüllt mit singenden, jubelnden, winkenden Jugendgruppen. Zu hören gab’s dann auch gleich etwas- einen plötzlichen Knall, denn beim Katamaran war die Klampe, durch die die Heckleine lief, gebrochen. Die Leine am Kat wurde auf der Klampe in der Mitte belegt. Das brachte das ganze Päckchen aus dem Gleichgewicht. ‚Unser‘ Omar versuchte, die drei Adviser auf die Folgen hinzuweisen, aber vergeblich. In der letzten Schleuse passierte es dann – ein lautes Schnalzen und auch die mittlere Klampe des Kats verbog sich. Wer von den Briten da drüben anschließend auf die Idee kam, die Leine ganz runter zu nehmen, ist unbekannt. In Sekundenschnelle standen wir alle drei quer  und sausten in Richtung der Schleusenwand auf unserer Seite. Der Knall ging durch Mark und Bein und riss sogar die Adviser aus dem Dämmerschlaf. Poldi checkte kurz den Schaden (ein Knick im Bügel, der die Solarpaneele trägt und zwei 15 cm lange Risse im Kunststoff oberhalb der Wasserlinie) und war mit drei Sprüngen drüben beim Übeltäter um ihn nicht gerade freundlich zur Rechenschaft zu ziehen. Das machte zwar nichts ungeschehen, ließ aber etwas Dampf ab.

 

Jedenfalls wurde der Unfall von der Behörde aufgenommen, der Hafenmeister kam an Bord, ließ sich alles schildern und klärte uns über die rechtliche Situation auf: Wenn wir den Fall versicherungsmäßig verfolgen wollten, müssten wir uns einen Termin für eine Anhörung geben lassen und dürften dann die Gewässer von Panama City bis zum Abschluss des Falls nicht verlassen.  Wir versuchten daher, auch auf Anraten unseren Agenten, uns erst einmal friedlich mit dem Briten zu einigen und fuhren am nächsten Morgen mit dem Beiboot in kooperativer Absicht  zu ihm, schließlich würde es sich ja nur um einen einfachen Haftpflichtversicherungsfall handeln. Meinten wir. Denn er wollte weder seinen Namen noch seine Versicherung nennen. Aber im Balboa Yacht Club hätte  er doch seine Papiere vorweisen müssen. Meinten wir.  Doch hat er auch dort nichts hinterlassen sondern wollten seine Daten mailen. Tat er aber nicht. Warum er sich so geheimnisvoll gibt, ist uns inzwischen klar geworden. Das Schiff gehört Sunsail, dem größten Bootsvercharterer weltweit, mit Sitz in England. Er selbst ist ein Überstellungsskipper, der den Kat zur Sunsail-Basis in Tahiti segelt. Und – claro – er möchte nicht, dass sein Auftraggeber erfährt, dass er im Panamakanal einen Unfall verursacht hat. Unser Agent wäre nun bereit, über die Kanalbehörde die Versicherungsdaten ausfindig zu machen, aber für uns macht das eigentlich wenig Sinn. Es müsste ein Sachverständiger kommen, der den Schaden schätzt und wer weiß, wie lange das dauert. Und im Grunde könnte eine Werft den Schaden nicht anders reparieren als wir selbst- mit Epoxy und Matten. Beim Schiff kann man ja leider nicht einfach den Kotflügel austauschen wie beim Auto.

 

 

Aber es gibt nicht nur Ärgerliches  aus den Annalen unserer Kanaldurchquerung:  Sofort, nachdem wir in Balboa an Land gingen, stießen wir auf unseren neuseeländischen Rigger! Der war natürlich überhaupt nicht erfreut über diese Begegnung. Vor allem, da Poldi ihm klar machte,  er würde diesen Platz nicht verlassen ohne die 200 Dollar, die er uns für die Anpassungsarbeiten seiner falschen Want-Bestellung noch schuldete. Da er in Balboa gerade auf einem Schiff arbeitete, brachte Poldi ihn dazu, von dessen Besitzer einen Vorschuss von 200 Dollar zu kassieren! Puh, war der Kiwi froh, uns los zu sein!   Wir liegen jetzt in Panama City vor Anker, bis auf die papstbedingten Staus und die deshalb auch überfüllten Restaurants und Einkaufszentren ist es recht schön hier. Man schaut auf die eindrucksvolle Skyline, die vielen Segler, das bunte Museum von Frank Gehry und genießt Steaks – übrigens  im selben Lokal wie vor 13 Jahren, als wir mit der „Oase“ nach Tahiti unterwegs waren.

 

 

 

 


16.01.2019 

Shelter Bay Marina Panama 

 

Sieben Monate Urlaub – klingt wunderbar – war es auch. Sieben Monate in Österreich, wo bekanntlich der Strom aus der Steckdose kommt, die knusprige Stelze lockt und Poldis Schulter operiert werden konnte. Aber allzu viel Bequemlichkeit ist ungesund und das Abenteuer ruft!

Seit 8. Dezember heißt es also in Panama wieder Deck Putzen und Edelstahl polieren statt Rasenmähen und/oder Schnee Schaufeln. Statt der heimischen TV-Unterhaltung bieten uns nun die diversen Elektro-Benzin- und Dieselmotoren tägliche Rätselshows. Zur Belohnung für die Mühe haben wir aber rasch einen Termin zum Passieren des  Panamakanals bekommen. Am 20. Jänner ist es so weit!

 

Mit drei Reisetaschen voller Geschenke (Ersatzeile) für die Yin Yang zogen wir erst einmal ins Hotel der Marina. Am nächsten Tag waren wir bereits im ersten Morgengrauen am Schiff um zu sehen, wie es die lange Zeit am Drockendock im feuchten Klima Panamas überstanden hatte. 

Freudige Überraschung: Innen alles trocken und sauber! Die Investition in das von der Marina angebotene Service inklusive riesigem Luftentfeuchter und regelmäßiger Kontrolle hat sich also gelohnt. Denn das Risiko, sich in so einem Klima Schimmel einzufangen, ist groß.

 

 

Nach der Freude folgten die Mühen. Die Liste der Arbeiten, die einem nach so einer langen Abwesenheit blühen, wird die nicht-segelnden Homepageleser vermutlich nicht dazu motivieren, zum Sparbuch zu greifen und ein Schiff zu kaufen:

 

Unterwasserschiff schleifen, zweimal Antifouling

aufbringen.

Kiel entrosten und vor dem Antifouling mit einer

Spezialbeschichtung streichen.

Ein Loch für den neuen Tiefenmesser in den Rumpf

bohren.

Diese drei Dinge wurden bei der Werft in Auftrag gegeben, für die ganze Streicherei sind wir orthopädisch nicht gut genug gerüstet, aber es geht weiter:

 

Bugstrahlruder, Propeller- und Wellenservice (bei Amel besonders kompliziert)

Motor überprüfen, in der Folge neue Starterbatterie kaufen.

Turbolader ausbauen, steckte wieder einmal fest

Neuen Tiefenmesser einbauen (schaut nicht nur nach unten sondern auch nach vorne)

Den dazugehörenden neuen Plotter einbauen und damit die Cockpitinstrumentierung umbauen.

Den Motor zum Ausrollen des Großsegels auseinandernehmen und wieder gängig machen.

Schließlich alle Leinen und Segel wieder einziehen, denn die muss man bei diesem Klima  innen

verstauen, bevor man weg fährt.

Zu diesen „männlichen“ Arbeiten ein kurzer Sidestep zum Gender-Thema, das Sabine von der Segelyacht „Atanga“ auf ihrer Homepage sehr treffend aufgegriffen hat (verzeiht mir das Plagiat): Es gibt, trotz aller Bemühungen immer noch „blaue“ und „rosa“ Arbeiten auf einem Schiff und alle Frauen ohne Begabung/Willen/Ehrgeiz auf technischem/elektrischen/mechanischen Gebiet ( so wie ich) müssen sich mit der „rosa“ Abteilung begnügen, auch wenn sie wesentlich weniger Applaus einbringt als die für das Überleben von Schiff und Mannschaft nötigen Skills.

Mein Beitrag zur Liste oben besteht aus Zureichen, Suchen und Verlieren von Werkzeug und aus aufmunternden Worten. Weiters folgt das Sichern des Skippers auf die Masten, wenn oben etwas eingebaut oder repariert wird

sowie das Halten von Lötkolben, das Ziehen an Kabeln und das Suchen von Schrauben, die auf den Boden gefallen sind. Größer wird der „rosa“ Anteil dann bei der Putzkompetenz, und da kann ich mich austoben: Backskisten (Stauräume im Boot außen) auswischen, Reling, Beschläge und Solarbügel polieren, Deck, Cockpit und Fenster waschen, wischen und wienern. Was ich eigentlich nicht ungern tue, denn der (leider nur kurz andauernde) Blick auf das strahlende Schiff macht Freude.

Zum Thema Arbeit und Service hätte ich Eines fast vergessen: Der jährliche Ärger mit einem Lieferanten (man erinnere sich an die italienische Ankerkette) wurde heuer von einem  Neuseeländischen Rigger beigesteuert. Aufgrund einer gebrochenen Litze bestellten wir bei ihm im Mai eine neue Besanwant (Stahlseil, das den hinteren Mast stabilisiert), die natürlich, entgegen allen  Versprechungen, erst nach unserer Heimreise eintraf.

Nicht nur, dass er sie nicht wie versprochen am Boot deponiert hatte und die Marina zwei Tage danach suchen musste, sprang beim Auspacken sofort das erste Problem ins Auge: Ein falscher Beschlag. Whats app hin und her, nein, das könne nicht sein, er hätte einen „perfect match“ zu unserem Original bestellt und überhaupt sei er für längere Zeit in Neuseeland und stünde nicht zur Verfügung. Zum Glück hatte die Werft eine 20t Hydraulikpresse, mit der man die Beschläge wechseln konnte, drei Stunden Arbeitszeit, ok, aber als sich dann herausstellte, dass das Ding auch noch 42 Fuß statt 40,2 Fuß lang war, erlangte der böse Mailverkehr zwischen den – damals unserer Meinung nach noch zwei Erdteilen – seinen Höhepunkt. Die einzige Möglichkeit das Ding passend zu machen war abschneiden und einen Schraubterminal zu montieren. Dieses StaLok –

Terminal wurde am 24.12. in Florida bestellt und am 27.12. klopfte ein Fedex Zusteller am Boot und übergab uns das Teil. Wenigstens dieses hat der Kiwi bezahlt. Nach 2 Stunden Arbeit hatte Poldi das Want montiert. Wir hatten ja nicht ernsthaft damit gerechnet, dass er uns alle Kosten ersetzen würde, aber als wir feststellen mussten, dass er sich ohnehin in Panama aufhält, fühlten wir uns doch ziemlich „auf den Arm genommen“. Der gute Mann ist nämlich zufällig der Nachbar eines Freundes des Marinachefs und siehe da, ein Anruf und der Kiwi war am Telefon, in seinem Garten in Panama City weilend. Das Gespräch war kurz, auf beiden Seiten nicht gerade von

Freundlichkeit geprägt und führte zu keinem Ergebnis, denn schließlich habe er ja alles richtig gemacht. Übrigens: Unseren Originalteil hatte er damals im Mai eine Woche lang in seiner Firma, um nur ja sicher zu gehen, dass er das Richtige bestellen würde. Dies zum Thema „perfect match“.

Verlaß ist hingegen auf die Werft in der Shelter Bay.

Pünktlich nach einer Woche erstrahlte die Yin Yang zum Krantermin und durfte endlich zurück ins Wasser. Etwas Traurigkeit schwingt bei mir als Putzfee zu

diesem Anlass immer mit. Erst in zwei Jahren werden wir das Unterwasserschiff wieder in einem so

perfekten Zustand sehen, denn schon bald wird es sich die gesamte Meeresfauna und Flora am blitzblanken Propeller und am neuen Anstrich gemütlich machen.

 

 

Die Übersiedlung vom Hotel ins Schiff und ein

bequemer Liegeplatz nahe bei Bar und Shop gaben uns das Gefühl, endlich wieder dazu zu gehören. In der Shelter Bay beginnt um Neujahr die Saison; die

Regenzeit geht zu Ende und aus allen Ecken der Welt strömen die Segler herbei und machen dasselbe wie wir – pflegen, installieren, reparieren und die Kanaldurchfahrt vorbereiten. Ein kleiner Teil der österreichischen „Panamaflotte“ war schon vor uns da. Eva und Hans waren mit ihren Arbeiten schneller als wir und verabschiedeten sich mit ihrer „Tangaroa“ zum „Badeurlaub“ auf die San Blas; Herbert und Tadeja reisten am Silvesterabend an (zwei Flaschen Sekt, Einiges an Wein und Bier und dann ein Neujahrskater) und planen ihre Kanaldurchfahrt gleichzeitig mit uns. Fad ist es nicht in der Marina: Sundowners, happy hours, Grillparties, Potlucks (eine Art Gemeinschaftsbuffet) standen auf unserer Agenda. Es finden sich ständig umtriebige Amerikanerinnen, die das Gemeinschaftsleben der Marina in die Hand nehmen. Es gab eine Weihnachtsfeier mit Christbaum und Geschenken, Gesangsabende für begabte Segler (wir hielten uns aus

Sicherheitsgründen fern) sowie Dschungelausflüge, bei denen man nebst Zecken auch Erfahrungen mit frechen, stöckchenwerfenden Affen und aggressiven Termiten (fragt den Skipper) machen kann. Die Ruinen des US-Militärs aus amerikanischen Zeiten ergänzen das Bild zu einem Tomb-Raider-Szenario. Ebenfalls anstrengend,

aber weniger schweißtreibend ist die tägliche Gymnastikstunde im Pool, sie ist auch Kommunikationsbörse Nr 1, beim Anspannen von Bauch und Po wurde schon so manche Mechanikeradresse ausgetauscht und Tipps zum Kauf von Vergaserreinigern gegeben. Beides benötigten wir leider dringend, denn der Beibootmotor

schwächelte bereits seit Monaten, wollte jetzt aber überhaupt nicht mehr anspringen. Den Tipps aus dem Swimmingpool folgten viele gut gemeinte Ratschläge, eine erfolglose Fahrt zum Mechaniker und schließlich lag der Vergaser wieder am Operationstisch im Cockpit. Wie an einer medizinischen Fakultät versuchten sich die rundum stehenden Wissenschaftler unter den Seglern zu profilieren. Ergebnis: Operation gelungen, Patient tot. Nadel gebrochen. Schließlich gelang es uns, mit Hilfe des Marinabüros einen neuen Vergaser zu bestellen, den wir – hoffentlich – nach der Kanaldurchfahrt in Panama City abholen können.

 

Nach diesem letzten Streich wurde es endlich Zeit, mit all dem neu-Ein- und Umgebauten den Praxistest zu machen und Meeresluft zu schnuppern. Während die restlichen Österreicher bereits seit 10 Tagen die schöne unbewohnte Insel Esnadup zu „Austriadup“ umfunktioniert hatten, reihten wir uns schließlich auch in diese Flotte ein. Am Weg dorthin wurde allerdings noch das Städtchen Portobelo besucht. Nicht nur, weil unser Tullner Segelfreund Martin dort auf seine Pazifikcrew wartet, sondern auch, weil Protobelo eine glanzvolle Vergangenheit hat und eine “Weltkulturerbe“-Stadt ist. Von glanzvoll kann jetzt aber keine Rede mehr sein, eigentlich ist es ein Kaff, dessen touristische Anziehungskraft hauptsächlich auf den guten Autobusverbindungen beruht... Und auf der Kirche mit der schwarzen Christusfigur…. Und auf dem alten Fort und dem (unrenovierten). Zollhaus aus dem 16.Jhdt… Und einer guten Konditorei…also ganz so schlimm ist es doch nicht. Man kann sich aber trotzdem nicht recht vorstellen, dass die Spanier hier die riesigen Goldschätze Südamerikas verschifft haben, nachdem sie von der Pazifikseite über den Isthmus von Panama getragen wurden. All die Träger, Händler und Seeleute konnten jedenfalls bestimmt nicht so viel Müll hinterlassen wie die wenigen Einwohner heutzutage!

 

Kultur abgehakt, eine Tagesreise weiter wartet das Badeparadies San Blas mit „Austriadup“ auf uns.

Wasser glasklar und 28 Grad, Wellenhöhe 5 cm, Palmen wiegen sich in der Brise (die angeschwemmten Plastikflaschen darunter sieht man vom Ankerplatz aus nicht) und die Kuna bieten täglich frische Langusten an. Auch der Greissler kommt mit dem Boot und hat frisches Gemüse und Obst, das von den Kuna am Festland angebaut wird. Die Krokodile halten sich heuer eher zurück, nur ein mal schwimmt eines durch das Ankerfeld. Auch die gefürchtete portugiesische Galeere, eine bösartige Qualle wurde erst dreimal gesehen. Tage voller Urlaubsstimmung und gegenseitigen Einladungen zu Kaffee, Sundownern und Canapés. Auf der Tangaroa gibt es für uns Langusten und heute sogar – Scheiterhaufen! Wir lassen es uns für 10 Tage gut gehen. Dabei sollte aber nicht verschwiegen werden, dass ein engagierter Skipper auch in dieser Umgebung etwas zu tun findet: Ankerlicht mit Dämmerungsschalter und eine Alarmanlage montieren, die alten verblichenen Amel-Logos gegen neue von daheim mitgebrachte Kleber austauschen etc etc. Stillsitzen ist bei ihm nicht drin. Zu den „rosa“ Pflichten gehört aktuell das Schreiben dieses Homepageartikels, der Mailverkehr mit dem Kanalagenten und auch Spanischlernen steht ganz oben auf der Liste. Aber damit hapert es leider. Fest versprochen, sobald wir auf der Pazifikseite sind, werde ich mich dahinter klemmen, damit wir Ecuador nicht völlig sprachlos besichtigen müssen.

 

Von der Westseite Panamas aus melden wir uns dann auch wieder auf der Homepage, denn dann können wir hoffentlich Interessantes und Erfolgreiches über den Kanal berichten. Es gibt übrigens eine Webcam, über die man den durchfahrenden Booten im Internet zuschauen kann. Sollten wir in Erfahrung bringen können, zu welcher Zeit wir dort sein werden, schicken wir euch den Link per E-mail.